Ein Agentic Vault soll nicht zur Wissensinsel werden. Dafür braucht es geprüfte Wissenspakete: kontrollierte Ausschnitte aus dem eigenen Workspace, die Fachwissen, Systemwissen und persönlichen Kontext trennen und für andere Vaults, getrennte technische Umgebungen oder spezialisierte Dienste nutzbar machen. Portabel bedeutet dabei nicht öffentlich – jede Übergabe bleibt eine bewusste Entscheidung.
Vom Arbeitsraum zum anschlussfähigen Wissensraum
Die normale Arbeit im Agentic Vault findet im eigenen Workspace statt. Dort arbeiten Claude, Gemini und Codex direkt im laufenden Vault. Sie lesen Projektstände, beachten Ablageregeln, nutzen persönlichen Kontext und schreiben Ergebnisse zurück. In diesem Modus findet der größte Teil der Arbeit statt – häufig 80 bis 90 Prozent, in manchen Phasen praktisch alles.
Die zweite Frage ist, wie dieser Arbeitsraum anschlussfähig bleibt. Fachwissen, Synthesen oder Systemwissen müssen bei Bedarf auch außerhalb des eigenen Workspace nutzbar sein: in einem anderen Vault, in einer getrennten technischen Umgebung oder in einem spezialisierten Dienst. Genau dafür braucht es geprüfte Wissenspakete.
Ein Wissenspaket ist kein Ersatz für den Workspace. Es ist ein kontrollierter Ausschnitt aus dem Vault, der für einen bestimmten Zweck zusammengestellt, geprüft und weitergegeben wird. So bleibt der eigene Vault der maßgebliche Arbeitsbestand, während ausgewählte Teile anschlussfähig werden. Für diesen Wissenszuschnitt sind drei Kriterien entscheidend:
Relevanz: Ausgangspunkt dieser Serie war, dass die Qualität von KI-Arbeit wesentlich vom verfügbaren Kontext abhängt. Entscheidend ist aber nicht dessen Umfang, sondern seine Passung zur Aufgabe. Für die Analyse eines Fachthemas braucht der andere Arbeitskontext Quellen, Synthesen und vorhandene Ergebnisse. Offene Aufgaben aus anderen Projekten, alte Arbeitsstände oder das tägliche Journal helfen dabei nicht. Sie erhöhen nur die Menge an Daten, die durchsucht und eingeordnet werden muss.
Schutzbedarf: Der Vault enthält auch Informationen darüber, für wen die KI arbeitet: Profil, Schreibstil, fachliche Positionen, Ziele und Netzwerk. Dieser Kontext ist für die persönliche Zusammenarbeit im eigenen Workspace wertvoll. Er gehört aber nicht automatisch in ein Wissenspaket für einen anderen Vault, einen spezialisierten Dienst oder eine getrennte technische Umgebung. Technisch zugänglich bedeutet nicht, dass ein Inhalt für jeden Zweck freigegeben ist.
Funktion im Vault: Eingänge, Aufgaben, Projektentwürfe und technische Steuerdateien werden für den laufenden Betrieb gebraucht. Sie sind deshalb Teil des Workspace, aber nicht zwangsläufig Teil des Wissens, das außerhalb dieses Workspace bereitgestellt werden soll. Ein geeignetes Wissenspaket muss folglich drei Fragen beantworten: Was ist relevant? Was darf weitergegeben werden? Und was gehört nur zum Betrieb des Vaults?
Der vorherige Beitrag hat den OKF-Fachbegriff Knowledge Bundle eingeführt und als abgegrenztes Wissenspaket erklärt. OKF beschreibt, wie ein solches Paket aufgebaut ist. Es entscheidet aber nicht, welche Teile des Workspace für einen bestimmten Zweck hineingehören. Der Agentic Vault ergänzt deshalb ein zweistufiges Auswahlverfahren: Profile begrenzen den zulässigen Inhaltsraum, aus dem der Mensch anschließend KI-gestützt den passenden Ausschnitt zusammenstellt.
Ein Vault, drei Profile
Alle Inhalte werden weiterhin nur im Workspace gepflegt. Dort entstehen Quellen, Synthesen, Projekte und Ergebnisse. Wird ein Wissenspaket benötigt, stellt das System es aus diesem aktuellen Bestand zusammen. Eine zweite, dauerhaft gepflegte Wissenssammlung entsteht nicht. Feste Auswahlregeln legen zunächst fest, welche Bereiche für ein neues Wissenspaket verwendet werden dürfen. Arbeitsmaterial, Entwürfe, Archive und technische Laufzeitdateien bleiben ausgeschlossen. Neu angelegte Verzeichnisse werden erst berücksichtigt, wenn sie ausdrücklich einem Profil zugeordnet wurden. Für unterschiedliche Arten von Kontext stehen drei Profile zur Verfügung:
Das Profil knowledge umfasst das fachliche Wissen: Quellen, Synthesen, Erkenntnisse, Referenzen und kuratierte Ergebnisse. Es ist für Aufgaben gedacht, bei denen ein anderer Vault, eine getrennte Umgebung oder ein Dienst recherchieren, analysieren oder auf vorhandenem Wissen aufbauen soll. Persönliche Angaben und technische Betriebsinformationen gehören nicht dazu.
Das Profil context enthält den persönlichen Arbeitskontext: Profil, Schreibstil, Expertise, Ziele und Netzwerk. Diese Informationen helfen, Ergebnisse an die Person und ihre Arbeitsweise anzupassen. Sie werden jedoch bewusst vom fachlichen Wissen getrennt. Ein anderer Vault oder Dienst, der nur ein Thema analysieren soll, benötigt nicht automatisch persönliche Ziele oder Kontakte.
Das Profil system beschreibt den Agentic Vault selbst. Es enthält das Datenmodell, die Ablageregeln sowie Wissen über Aufbau und Betrieb. Quellcode und technische Laufzeitdateien gehören nicht dazu. Dieses Profil wird benötigt, wenn die Architektur und Regeln des Systems verstanden, geprüft oder auf eine andere Umgebung übertragen werden sollen – nicht für eine gewöhnliche Fachrecherche.
Diese drei Profile sind keine Vorgabe von OKF, sondern eine Erweiterung des Agentic Vaults. Sie bilden die erste Auswahlstufe: Der Mensch legt fest, aus welchen Profilen Inhalte verwendet werden dürfen. Innerhalb dieses zulässigen Raums unterstützt ihn die KI dabei, relevante Quellen, Synthesen und Ergebnisse zu finden. Der Mensch prüft die Vorschläge, ergänzt oder verwirft sie und bestätigt die endgültige Auswahl. Erst daraus erzeugt das System das bereitzustellende Wissenspaket. Die Profile ziehen damit die Schutzgrenze; die vom Menschen verantwortete Auswahl sorgt dafür, dass der Zielkontext nur den Inhalt erhält, der für den jeweiligen Zweck freigegeben wurde.
Was Anschlussfähigkeit leistet – und was nicht
Mit dieser Architektur bleibt der Vault der gemeinsame Arbeitsbestand, während für einzelne Übergaben begrenzte Wissenspakete entstehen. Der Mensch entscheidet, welcher Kontext benötigt und weitergegeben werden darf. Die KI unterstützt ihn bei der Auswahl, das System übernimmt anschließend Erzeugung und Prüfung. So entsteht Anschlussfähigkeit, ohne den gesamten Workspace zu kopieren oder eine zweite Wissenssammlung zu pflegen.
Anschlussfähigkeit ist jedoch keine Freigabe. Auch ein technisch korrektes Wissenspaket kann sensible Angaben, geschützte Quellen oder fachlich ungeeignete Inhalte enthalten. Vor jeder Übergabe müssen deshalb Empfänger, Zweck, Schutzbedarf und Rechte geprüft werden. Ebenso kann eine sorgfältige Auswahl relevante Inhalte übersehen. Technische Konformität macht ein Paket lesbar und überprüfbar, garantiert aber weder Vollständigkeit noch inhaltliche Qualität.
Die technische Grundlage dafür steht: Die drei Profile lassen sich getrennt erzeugen und prüfen. Die hier beschriebene aufgabenbezogene Zusammenstellung ist der nächste Ausbauschritt; reale Wissenspakete aus dem Vault wurden bislang nicht extern weitergegeben. Hinzu kommt, dass OKF in der Version 0.1 weiterhin ein früher Entwurf ist. Die eigene Architektur muss deshalb anpassbar bleiben, wenn sich die Spezifikation verändert.
Wissenspakete beantworten damit die räumliche Frage: Welcher Teil des Vaults wird für einen bestimmten Auftrag bereitgestellt? Offen bleibt die zeitliche Frage: Wie erkennt das System, dass Wissen veraltet, überholt oder nicht mehr verlässlich ist? Darum geht es im nächsten Beitrag.
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